Erlebt 9

Auf einer Fahrt auf ein Wochenende, Originalzitate von Teilnehmern und Mitarbeitern:

1. He, wir fahren nach Bayern, ich dachte wir fahren nach München.
[Eine Teilnehmerin]

2. Ihr sollt mich mit dem Video nicht bedrucken. (gemeint war bedrängen oder erpressen)
[Eine Teilnehmerin]

3. Ich hab es mal mit einem Hullahup Reifen probiert, aber es hat irgendwie nicht geklappt.
[Ein beleibter Mitarbeiter]

4. Ich hab nicht viel Gepäck dabei
[Eine Teilnehmerin – zwei Koffer hinter sich her ziehend]

5. Mein Kumpel hat gesagt, dass er die Helferschulung gemacht hat. Da dachte ich, wenn der das geschafft hat, dann schaff ich das erst recht.
[Ein Teilnehmer auf die Frage, warum er im Jugendhaus mitarbeitet]

6. Ein MA:  „He Mädels, wir hatten halber ausgemacht, es ist drei drüber.“
Antwort: „Ja, dafür können wir nichts. Die Schlange an der Kasse war so lang.“
und: „Und es gab Oberteile für einen Euro.“
[Drei Mädels – nachdem sie bei unserem ersten Treffen in # gleich mal zu spät kamen.]

7. Wir waren schon halber auf der Autobahn, da hat # gemeint: wollten wir nicht den # abholen?
[Eine Mitarbeiterin über „sich selber“]

8. Man kann auch Reden fasten.
[Eine Mitarbeiterin zu einem Mitarbeiter]

9. „Man darf die Zitate doch nicht so aus dem Zusammenhang reissen.“
„Doch. Das ist doch gerade der Spaß an der Sache.“
[Zwei MA über die hier abgedruckten Zitate]

10. Hier ist es doppelt so billig wie Tankstelle.
[Ein Teilnehmer am Bahnhof]

11. „Hast Du Deine Bilder nicht mitgenommen?“
„Ne, ich war noch nie künstlich begabt.“
[Eine Teilnehmerin zu einer Mitarbeiterin über Kunst]

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Erlebt 7

Ich sitze zuhause. Mein Phon klingelt. Eine Mitarbeiterin aus dem Makarios ist dran.

„Andreas, bei mir ist #. Er sagt, dass im Makarios eingebrochen worden sei und dass dort Jugendliche sich herumtreiben.“
„Oh nein. Kannst Du rüber gehen und schauen was da dran ist?“
„Klar mach ich. Ich dachte nur ich frag mal, nicht dass vermietet ist oder so.“
„Ne, vermietet ist nicht. Rufst mich dann an, wenn Du was weißt.“
„Klar. Bis dann.“

Ich warte. Bin etwas angespannt. Nach 10 Minuten klingelt es wieder. Es ist wieder die Mitarbeiterin.

„Also es scheint so, dass # selber, die Kinder rein gelassen hat. Es war wohl eine Tür nicht richtig zu. # hat das bemerkt und dann diese Tür von außen geöffnet und seine beiden Freunde rein gelassen. Die sind aber jetzt alle weg, bis auf #.“
„Hm, da haben ** nicht richtig aufgepasst und # hat es ausgenutzt. Ziemlich ärgerlich.“
„Ja ärgerlich.“
„Wie kommt # auf die Idee, sowas zu machen? Ist der noch bei Trost?“

Ich bin voll geladen und würde # am liebsten zwischen meinen Händen zerreiben.

„Schick # nach Hause und mach bitte alles zu. Ich werd ihn mir Morgen mal vorknöpfen.“
„OK. Bis dann.“

Am nächsten Tag rede ich mit den Mitarbeitern, die am betreffenden Tag Dienst hatten um heraus zu finden, was sich zugetragen hat. Schlußendlich ergibt sich folgendes Bild:

# hat sich, mit dem Vorwand, sein Handy im Haus vergessen zu haben noch einmal Zutritt zum Makarios verschafft, als schon alles abgeschlossen war. Er wurde eingelassen und hat dann die Hof-Türe von innen geöffnet, so dass sie  von außen aussieht wie geschlossen, aber geöffnet werden kann. Dies mit der klaren Absicht, sobald die anderen MA weg sind, mit seinen Freunden ins Makarios ein zu dringen. Als er wieder draussen war und die MA weg gegangen, hat er über unseren Hof das Haus wieder betreten und zwei seiner Freunde eingeladen, das Makarios mit ihm zu „nutzen“. Irgendwann hat er entweder Schiss bekommen, oder aber wollte er sich „wichtig“ machen und ist zu D. rübergelaufen um ihr zu „petzen“ , dass ins Makarios „eingebrochen“ wurde und noch zwei der Kinder dort seien. Er hat wohl nicht gedacht, dass wir miteinander sprechen und letztlich herausfinden was wirklich passiert ist. Sein Motiv ist uns (und ich denke auch ihm) unklar geblieben. Aber seine Strafe hat er willig in Kauf genommen und so letztlich wieder Vertrauen erarbeitet.

Erlebt 6 – Sackratten

Das ganze ist schätzungsweise 10 Jahre her. Damals war es noch gut möglich, mit einigen Jugendlichen auf Wochenenden und Kurzfreizeiten zu fahren. Eines, das wir regelmäßig machten, war um Pfingsten auf den Zeltplatz des CVJM Esslingen auf dem Kornberg zu fahren. Der Zeltplatz liegt direkt im Naturschutzgebiet und bietet fast keinen Komfort – außer einem Klohäuschen und eine Spüle. Wir fuhren damals mit dem CVJM Bus und einem Pkw. Die Jugendlichen hatten zum großen Teil eigene Zelte von Aldi und Co dabei. Die Tage waren warm und wolkenlos, die Nächte dafür sehr kalt. Die meisten Jugendlichen waren zum ersten Mal beim zelten, einige sogar zum ersten Mal ausserhalb der Pliensauvorstadt.

Eines Nachts – ich meine es wäre die letzte Nacht gewesen, wurde ich von einigen Jugendlichen geweckt.
„Andi, komm mal. # hat eine Zecke.“
„Na dann macht die doch mal raus.“
„Ne Andi – das musst Du machen.“

Ich aus dem Schlafsack raus – wie gesagt es war A….kalt.

„Wo ist #?“
„In seinem Zelt.“

Ich dackel hin.

„#, was ist mit der Zecke.“
„Mensch Andi, ich hab die Zecke da unten.“
„Wo da unten? Am Fuß?“
„Ne, da unten am Sack.“
„Wie bitte? Na dann lass mal sehen:“
„Doch nicht hier, die anderen gucken alle.“
„OK. Gehen wir rüber an den Wald. Hast Du eine Taschenlampe?“

Wir gehen an den Waldrand. # zieht die Hose runter und lässt mich an der Seite seiner Unterhose auf seinen Sack schauen. Ich versuche was zu erkennen.

„Hm. Bis Du sicher, dass das nicht einfach eine Hautveränderung ist? Sieht mir nicht nach Zecke aus.“
„Das ist ´ne Zecke. Andi muss ich jetzt sterben?“ [ich weiß nimmer genau, ob das so stimmt, das mit dem sterben – aber so wird die Geschichte dramatischer :-)]
„Quatsch, wie kommst Du auf die Idee. Wenn dann bekommst Du eine Krankheit – wenn überhaupt. Also ich kann nichts richtig sehen. Wir müssen bis Morgen früh warten, ich kann zu wenig erkennen.“
„Bis Morgen früh? Das schaff ich nicht.!“
„Doch das schaffst Du. Es ist auch nicht besser, wenn wir da jetzt dran rumdoktern und dann „bricht“ sie ab. Leg Dich in Dein Zelt und schlaf. Morgen schauen wir weiter.“

# schaut mich unsicher an. Aber schließlich geht er. Ich geh auch wieder und zwar in meinen Schlafsack. Am nächsten Tag wollte # dann nicht mehr schauen lassen.

„Lass mal Andi, ich geh zum Arzt, wenn wir zuhause sind.“
„Sicher? OK, das ist mir auch recht.“

Der Arzt hat dann wohl wirklich eine Zecke entfernt. # lebt noch und erfreut sich guter Gesundheit. Keine negative Folgen 🙂

Nachgedacht 1

Vor kurzem hat ein ehemaliger Besucher einen Kommentar zu einem Erlebt Artikel gegeben, der mich zu diesem Nachgedacht 1 Artikel angeregt hat.

Hey Peschi. Das ist ja krass das du dich soweit zurück errinnerst. Aber ich denke # hat bei uns allen einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Aber er ist jetzt auf jeden fall ruhiger und hat einen guten Job. Irgendwann kommt bei jedem der Wendepunkt. In die eine oder andere Richtung. Murtaza Rizvi

Ja, wie recht hat Momo doch mit seinem Kommentar. Diesen Aspekt habe ich bei meinen bisherigen Artikeln leider arg vernachlässigt, und das will ich nun nachholen. Um so mehr, als es mir ein wichtiges Anliegen ist, den heutigen Besuchern und Hauptschülern zu signalisieren, dass es möglich ist trotz Hauptschulabschluss (heißt ja dann in Zukunft Werkrealschulabschluss) einen guten Job zu bekommen und was aus seinem Leben zu machen.

Hauptschüler (jetzt: Werkrealschüler), Migrant, Familie mit eher nicht so viel Geld, Polizei bekannt – das sind typische Merkmale vieler unserer Besucher, damals wie heute noch. Dies sind nicht gerade die besten Voraussetzungen für ein gelingendes gutes Leben. Aber dass dies nicht unbedingt heißt, dass man zum Harz 4 Empfänger wird, kann ich mit einigen positiven Entwicklungen von ehemaligen Besuchern belegen.
Da ist einer zum Regionalleiter eine bekannten Schnellimbiss Kette geworden. Ein anderer Besitzer eines, oder sogar zweier Restaurants. Da gibt es einen, der ist Mitarbeiter einer großen Firma – mit Verantwortung für mehrere 100000Euro. Noch einer ist europaweiter Ansprechpartner für die Reparatur bestimmter Elektrogeräte. Einer ist Pächter einer Tankstelle. Ein anderer Eigentümer einer Bäckerei. Nochmal jemand Eigentümer mehrere Friseursalons. Und dann sind da noch diejenigen, die zwar keine „herausragende“ Stelle haben, aber ihre Arbeit zuverlässig machen und ihr geregeltes Einkommen haben, womit sie sich eine Existenz aufbauen können. KFZ-Mechaniker, Barkeeper (das ist ein Ausbildungsberuf!), Fachkraft für Reifentechnik, usw.
Vielleicht werde ich in nächster Zeit mal noch den einen oder anderen Lebenslauf hier bloggen – einfach um Andere zu ermutigen. Dazu muss ich mir aber doch ein paar harte Fakten besorgen, und nicht nur auf meine Erinnerungen vertrauen.

Auch wenn es leider einige nicht so schöne Beispiele gibt, die allergrößte Mehrheit unserer ehemligen Besucher haben sich im Leben etabliert! Sie haben es geschafft! Trotz mancher ungünstiger Voraussetzungen.

DAZU GRATULIERE ICH EUCH ALLEN! Ihr seid SPITZE! Ich bin echt stolz auf Euch! und das nicht weil ich denke, dass ich da was dazu beigetragen hätte – sondern weil die meisten von euch mir einfach ans Herz gewachsen sind – trotz manchem Stress und Frust, den wir miteinander hatten (ich mit Euch und Ihr sicherlich mit mir!) 🙂

 

Erlebt 5

Aus meiner Anfangszeit im Makarios. Und bitte beachten: das ist schon über 10 Jahre her, es könnte sein, das eine oder andere ist nicht 100% so gewesen.

Es ist schon erstaunlich, was Jugendliche so alles anstellen können, bis sie dafür zur Rechenschaft gezogen werden. Als mahnendes Beispiel ist mir # in Erinnerung. „Typischer“ türkischer Jugendlicher. Hauptschüler, Eltern mit der Erziehung überfordert. (mit „typisch“ türkischer Jugendlicher meine ich NICHT: Hauptschüler und NICHT Eltern mit der Erziehung überfordert. Sondern hin und her gerissen zwischen zwei Kulturen!) Er kam schon als Kind ins Makarios. Mit 13/14 Jahren wurde es dann extrem. Mit 18/19 Jahren wurde er schließlich abgeschoben. Er hatte die Wahl zwischen einigen Jahren Knast und der Abschiebung in die Türkei. Er kam dann einige Jahre später (als seine „Strafe“=Abschiebung in die Türkei, abgesessen war) wieder nach Deutschland, sogar in die Nähe von Esslingen und ist inzwischen – zumindest soweit ich das weiß – ein „guter“ Bürger. Verheiratet, wenigstens ein Kind.

Ich kann mich nur noch an ein paar Dinge erinnern, was alles passiert, bzw. was er „ausgefressen“ hatte!

– Diebstahl eines Mofas. Unfall mit dem Mofa. Der Besitzer wollte das Geld einklagen. Ich habe in einem längeren Telefonat abgesprochen, dass # in Raten den Schaden bezahlt. # hat keine einzige Rate bezahlt und bekam drei Monate später eine entsprechende Zahlungsaufforderung, die er nicht leisten konnte.

– Fahren ohne Führerschein mit einem Auto. Einmal mit dem Auto seines Vaters, dann mit einem gestohlenen Auto von einem Autohändler.

– Mehrere „kleinere“ Diebstähle. Kaugummis, Kondome, usw.

– Eigen verschuldeter Unfall, wegen überhöhter Geschwindigkeit in einer Kurve. Dieser Unfall war unweit des Makarios. Es gab einen Anruf, dann sind einige Jugendliche und ich zu der Stelle gefahren, und haben das Auto wieder auf die Räder gestellt – # war nichts passiert – was mich noch immer erstaunt. Aber die Polizei fand das ganze nicht so lustig. 😦

– …

Alles in allem waren es tatsächlich eher „Jugendsünden“, als „echte“ Straftaten. Wenn ich von „Jugendsünden“ schreibe, dann meine ich damit, dass es Taten waren, die nicht deshalb getan wurden um sich den Lebensunterhalt zu verdienen, oder sich zu bereichern, sondern um die eigene „Lust“ zu befriedigen. Das ist nicht besser oder schlechter als andere Straftaten, aber eben „anders“.

Könnte sein, dass ich da verschiedene Jugendliche durcheinander bringe, aber insgesamt waren es am Schluss über 70 Straftaten über die verhandelt wurde/deren er angeklagt war. Immer wenn es zu einer Gerichtsverhandlung kam, hatte # eine Lehrstelle, wodurch eine Verurteilung unwahrscheinlich wurde. Dass er diese dann entweder nicht angetreten hat, oder nach kurzer Zeit einfach nicht mehr hin ist, hat keine Rolle gespielt. # spielte seine Rolle so gut, dass er immer jemanden fand, der sich für ihn einsetzte (Sozialarbeiter, Jugendgerichtshilfe, Richter…) und er um eine Strafe im Knast/Jugendarrest herum kam. Und welche Wirkung Arbeitsstunden haben, lass ich hier mal weitestgehend offen -> lest meine anderen Erlebt Berichte

Als sein Vater mit nicht mal 40 Jahren an einem Herzinfarkt starb, und # damit ( mit 16 Jahren!) das Familienoberhaupt über einen jüngeren Bruder, eine Schwester und eine Mutter wurde, sah es kurzfristig so aus, als ob die Verantwortung ihn zur Vernunft bringen würde. Doch dann war es vorbei. Was genau ihn schließlich in den Knast gebracht habe, weiß ich nicht mehr – vielleicht haben wir auch nie darüber gesprochen. Als ich ihn kurz vor seiner Abschiebung im Jugendgefängnis besuchte, war er „gefasst“ – und fühlte sich doch total ungerecht behandelt.
„Andere haben dies und das getan, und die dürfen bleiben. Und ich soll in die Türkei. Ich kenn doch da niemanden. Meine ganze Familie ist doch hier in Deutschland….“

Fazit: nicht nur aus diesem Erlebnis ist, dass es oftmals besser wäre, wenn man den Jugendlichen rechtzeitig einen echten „Schuß vor den Bug“ geben würde – heißt einige Tage Jugendarrest. Vor einiger Zeit habe ich einen Staatsanwalt kennen gelernt, mit dem ich mich über dieses Thema unterhalten habe. Er meinte, dass er nie! Sozialstunden fordern würde, sondern immer (Jugend-) Knast oder Geldstrafe (wobei Geldstrafe in Sozialstunden umgewandelt werden kann), weil er die Meinung hätte, dass Sozialstunden gar nichts bringen würden.

Gehört 1

Hat mir meine Praktikantin erzählt.

Es geht um einen Arbeitsstündler.
„Wir haben ihn die Spiele ausräumen lassen damit er schaut, ob alle noch vollständig sind. Dann habe ich ihm gesagt er soll noch die Schränke auswischen, bevor er die Spiele wieder einräumt. Ich stell ihm also einen Eimer hin, Spüli und einen Lappen. Und was macht der? Ich denke natürlich, der macht den Lappen naß, bevor er Spüli drauf tut. Aber nein, ich schau hin und tatsächlich macht der auf den trockenen Lappen Spüli drauf und will die Schränke auswischen. Ich sehe das und frage, ob er so die Schränke auswischen will – er warum nicht? Unglaublich oder?“

Wir haben herzlich gelacht. Aber eigentlich traurig. Vermutlich hat der Jugendliche noch nie in seinem Leben einen Tisch oder so was abgewischt, und er ist nicht willens oder fähig sich zu überlegen, wie denn das gehen könnte mit dem Tisch abwischen.