Erlebt 10

Das folgende habe ich nicht selber erlebt, sondern wurde mir vor kurzem von einer befreundeten Kollegin erzählt. Der Jugendliche ist mir allerdings auch sehr gut bekannt (gewesen). Die ganze Sache ist wenigstens 10 Jahre her.

Die Sozialarbeiterin war zu einer Gerichtsverhandlung gegangen, bei der # wegen „Fahren ohne Führerschein“ angeklagt war.
Als sie ihn begrüßte sagte er: „* ich hab nachher noch eine Überraschung für Dich!“
Nach der Verhandlung gingen sie beide vor das Gerichtsgebäude (Amtsgericht Esslingen). Dort stand ein nagelneuer BMW schwarz, gegenüber dem Gerichtsgebäude, auf dem Taxiparkplatz.
„Schau *, das ist mein Neuer!“
Als * ihn ungläubig anschaut, fragt #:“Ich darf doch auf dem Taxiparkplatz parken?“
„Wenn Du den Führerschein hast, dann weißt Du das!“
Dann steigt # ein, und schrammt beim Ausparken noch einen Pkw der vor ihm steht.

Nur damit alles klar ist: # hatte zu diesem Zeitpunkt keinen Führerschein – er kam aus der Gerichtsverhandlung und setzt sich (ohne Führerschein) in ein Auto und fährt los!

Cool oder einfach nur dumm?

Advertisements

Erlebt 5

Aus meiner Anfangszeit im Makarios. Und bitte beachten: das ist schon über 10 Jahre her, es könnte sein, das eine oder andere ist nicht 100% so gewesen.

Es ist schon erstaunlich, was Jugendliche so alles anstellen können, bis sie dafür zur Rechenschaft gezogen werden. Als mahnendes Beispiel ist mir # in Erinnerung. „Typischer“ türkischer Jugendlicher. Hauptschüler, Eltern mit der Erziehung überfordert. (mit „typisch“ türkischer Jugendlicher meine ich NICHT: Hauptschüler und NICHT Eltern mit der Erziehung überfordert. Sondern hin und her gerissen zwischen zwei Kulturen!) Er kam schon als Kind ins Makarios. Mit 13/14 Jahren wurde es dann extrem. Mit 18/19 Jahren wurde er schließlich abgeschoben. Er hatte die Wahl zwischen einigen Jahren Knast und der Abschiebung in die Türkei. Er kam dann einige Jahre später (als seine „Strafe“=Abschiebung in die Türkei, abgesessen war) wieder nach Deutschland, sogar in die Nähe von Esslingen und ist inzwischen – zumindest soweit ich das weiß – ein „guter“ Bürger. Verheiratet, wenigstens ein Kind.

Ich kann mich nur noch an ein paar Dinge erinnern, was alles passiert, bzw. was er „ausgefressen“ hatte!

– Diebstahl eines Mofas. Unfall mit dem Mofa. Der Besitzer wollte das Geld einklagen. Ich habe in einem längeren Telefonat abgesprochen, dass # in Raten den Schaden bezahlt. # hat keine einzige Rate bezahlt und bekam drei Monate später eine entsprechende Zahlungsaufforderung, die er nicht leisten konnte.

– Fahren ohne Führerschein mit einem Auto. Einmal mit dem Auto seines Vaters, dann mit einem gestohlenen Auto von einem Autohändler.

– Mehrere „kleinere“ Diebstähle. Kaugummis, Kondome, usw.

– Eigen verschuldeter Unfall, wegen überhöhter Geschwindigkeit in einer Kurve. Dieser Unfall war unweit des Makarios. Es gab einen Anruf, dann sind einige Jugendliche und ich zu der Stelle gefahren, und haben das Auto wieder auf die Räder gestellt – # war nichts passiert – was mich noch immer erstaunt. Aber die Polizei fand das ganze nicht so lustig. 😦

– …

Alles in allem waren es tatsächlich eher „Jugendsünden“, als „echte“ Straftaten. Wenn ich von „Jugendsünden“ schreibe, dann meine ich damit, dass es Taten waren, die nicht deshalb getan wurden um sich den Lebensunterhalt zu verdienen, oder sich zu bereichern, sondern um die eigene „Lust“ zu befriedigen. Das ist nicht besser oder schlechter als andere Straftaten, aber eben „anders“.

Könnte sein, dass ich da verschiedene Jugendliche durcheinander bringe, aber insgesamt waren es am Schluss über 70 Straftaten über die verhandelt wurde/deren er angeklagt war. Immer wenn es zu einer Gerichtsverhandlung kam, hatte # eine Lehrstelle, wodurch eine Verurteilung unwahrscheinlich wurde. Dass er diese dann entweder nicht angetreten hat, oder nach kurzer Zeit einfach nicht mehr hin ist, hat keine Rolle gespielt. # spielte seine Rolle so gut, dass er immer jemanden fand, der sich für ihn einsetzte (Sozialarbeiter, Jugendgerichtshilfe, Richter…) und er um eine Strafe im Knast/Jugendarrest herum kam. Und welche Wirkung Arbeitsstunden haben, lass ich hier mal weitestgehend offen -> lest meine anderen Erlebt Berichte

Als sein Vater mit nicht mal 40 Jahren an einem Herzinfarkt starb, und # damit ( mit 16 Jahren!) das Familienoberhaupt über einen jüngeren Bruder, eine Schwester und eine Mutter wurde, sah es kurzfristig so aus, als ob die Verantwortung ihn zur Vernunft bringen würde. Doch dann war es vorbei. Was genau ihn schließlich in den Knast gebracht habe, weiß ich nicht mehr – vielleicht haben wir auch nie darüber gesprochen. Als ich ihn kurz vor seiner Abschiebung im Jugendgefängnis besuchte, war er „gefasst“ – und fühlte sich doch total ungerecht behandelt.
„Andere haben dies und das getan, und die dürfen bleiben. Und ich soll in die Türkei. Ich kenn doch da niemanden. Meine ganze Familie ist doch hier in Deutschland….“

Fazit: nicht nur aus diesem Erlebnis ist, dass es oftmals besser wäre, wenn man den Jugendlichen rechtzeitig einen echten „Schuß vor den Bug“ geben würde – heißt einige Tage Jugendarrest. Vor einiger Zeit habe ich einen Staatsanwalt kennen gelernt, mit dem ich mich über dieses Thema unterhalten habe. Er meinte, dass er nie! Sozialstunden fordern würde, sondern immer (Jugend-) Knast oder Geldstrafe (wobei Geldstrafe in Sozialstunden umgewandelt werden kann), weil er die Meinung hätte, dass Sozialstunden gar nichts bringen würden.